In der Englischdidaktik

Autor:innen: Fenja Kuchenbuch, David Gerlach, Torben Schmidt

In diesem Artikel wird eine fachdidaktische Perspektive auf das Thema Lesemotivation eingenommen. Zunächst wird ein kurzer Einblick in aktuelle Ansätze zur Förderung gegeben und es werden basierend auf dem Forschungsstand Empfehlungen ausgesprochen.

Lesemotivation beinhaltet die Bereitschaft einen Text zu lesen, welche durch das subjektive Interesse, dem dieser Aktivität zugeschriebenen Wert und den Überzeugungen bezüglich der eigenen Effektivität beeinflusst wird. Hierbei kann das Lesen sowohl extrinsisch (durch z. B. Notengebung im Unterricht) als auch intrinsisch (Interesse an einem Thema) motiviert sein (vgl. Wigfield/Gladstone/Turci, 2016, S. 191). Zwar gibt es bis jetzt wenig Forschung spezifisch zur Lesemotivation im Englischunterricht, aber es wird davon ausgegangen, dass bei dem Lesen in der Fremdsprache „wie beim muttersprachlichen Lesen […] die Lesemotivation eng an Inhalte und Interessen der einzelnen Personen gebunden“ (Biebrich, 2008, S. 198) ist. Allerdings ist eine Besonderheit des fremdsprachlichen Lesens, dass dies in der Regel von Beginn an durch die Verortung in der Schule mit einem bestimmten Zweck – dem Lernen einer Fremdsprache – verbunden ist und der Lesebeginn „somit nicht in einer Umgebung statt[findet], in der Lesen als zweckfrei erfahren werden kann“ (Küppers, 2001, S. 327).  

In der Fachdidaktik wurden verschiedene Variablen identifiziert, welche speziell im Englischunterricht die Lesemotivation der Schüler:innen beeinflussen und demnach bei der Förderung in den Blick genommen werden sollten. Dies sind 1) die Auswahl der Texte und Methoden, 2) die feste Integration des Lesens in den Schulalltag bzw. die Etablierung einer Lesekultur und 3) die Vermittlung von Lesestrategien (vgl. Henseler/Surkamp, 2007, S. 3). Ein Hauptziel sollte es sein, durch die Berücksichtigung der genannten Aspekte allen Schüler:innen positive und erfolgreiche Leseerlebnisse zu ermöglichen, denn die „Lesemotivation ist […] durch die Wertschätzung von Leseaktivitäten (value) und die Erwartung des erfolgreichen Verstehens des Lesematerials (expectancy) gekennzeichnet“ (Frisch, 2013, S. 45).

Ein Ansatz, welcher für das Ermöglichen positiver Leseerlebnisse als geeignet erscheint, ist das extensive Lesen (vgl. Surkamp/Yearwood, 2018, S. 99; Gerlach/Lüke, 2020, S. 168). Extensives Lesen wird definiert als, „längere Texte in möglichst hoher Frequenz zu lesen und aus einer Fülle von Textmaterial auswählen zu können“ (Biebrich, 2008, S. 9). Kreft und Viebrock haben in ihrer Untersuchung zur Einführung des extensiven Lesens in einer 8. Klasse herausgefunden, dass Schüler:innen das Lesen in der Fremdsprache durch diese Methode positiv wahrgenommen haben. Umgesetzt wurde das extensive Lesen in dieser Untersuchung, durch das Lesen von Jungendbüchern in einem festen Zeitraum im Unterricht innerhalb mehrerer Monate. Der Leseprozess der Schüler:innen wurde durch Reflexionsfragen begleitet. Auffällig war, dass vor allem die bereitgestellten graphic novels häufig ausgewählt wurden und diese scheinbar die Schüler:innen besonders für das Lesen motivieren (vgl. Kreft/Viebrock 2014). Die motivierende Wirkung von bzw. das besondere Interesse an graphic novels im Englischunterricht betont auch Elsner (vgl. Elsner, 2013, S. 202-203). Eine weitere Untersuchung zum Ansatz des extensiven Lesens im Englischunterricht stammt von Biebrich. Auch hier zeigt das interessengeleitete Lesen eine positive Wirkung auf die Lesemotivation. Die Schüler:innen gaben an, durch das extensive Lesen im Unterricht auch in ihrer Freizeit mehr zu lesen und sie betonten darüber hinaus die motivierende Wirkung der eigenen Auswahl von Texten (vgl. Biebrich, 2008, S. 192-193).

Ein anderer Ansatz zur Förderung der Lesemotivation ist das gemeinsame Lesen einer Ganzschrift. Hierbei sollte der Fokus auf dem Inhalt bzw. der thematischen Arbeit mit dieser liegen. Begleitetet werden kann der Leseprozess durch möglichst offenen, kreative Aufgaben (z. B. das Erstellen eines Filmposters und das Nachspielen von ausgewählten Szenen) (vgl. Bruckmaier, 2019). Bei der Auswahl eines geeigneten Werkes ist nicht nur der Kompetenzstand von Bedeutung, sondern es sollte vor allem das Interesse der Schüler:innen im Mittelpunkt stehen. In der Sekundarstufe I kann sich an der aktuellen Jugendliteratur orientiert werden und Themen, welche die Schüler:innen beschäftigen, wie beispielweise Identität, aufgegriffen werden (vgl. Gardemann, 2021, S. 72).

Ausgehend von den vorangegangenen Erläuterungen erscheinen die folgenden methodischen Ansätze als geeignet (vgl. hierzu auch Henseler/Surkamp, 2007; Surkamp/Yearwood, 2018):

  • Raum im Unterricht für extensive, ritualisierte, testfreie Lesezeiten schaffen
  • Schüler:innen eigenständig, interessengeleitet Literatur in den Lesezeiten auswählen lassen
  • Eine Vielfalt an Texten in der Zielsprache im Klassenraum zur Verfügung stellen, bezogen auf verschiedene Interessen sowie Kompetenzniveaus → Bücherkiste/Schulbibliothek (auch digital möglich)
  • Bei der Auswahl von Texten außerhalb der Lesezeiten – z. B. beim gemeinsamem Lesen von Ganzschriften – das Interesse der Schüler:innen wahrnehmen, Bezüge zu ihrer Lebenswelt herstellen und sie durch Aufgaben emotional beteiligen
  • Möglichkeiten schaffen, gelesene Bücher im Unterricht zu präsentieren (z. B.  in Form eines Book Slams/Book Review oder ein Poster…)
  • Ein (digitales) Leseportfolio erstellen, in welchem Eindrücke sowie Bilder, Texte und beispielsweise Videos zu dem Leseprozess gesammelt und geteilt werden können

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass erfolgreiche Förderung von Lesemotivation Anlässe für positive Leseerfahrungen braucht, in denen Schüler:innen unabhängig von ihrer Lernausgangslage erfolgreich einen Text lesen können und erfahren, dass Lesen Spaß machen kann.

Literaturverzeichnis

Biebrich, Christine (2008): Lesen in der Fremdsprache. Eine Studie zu Effekten des extensiven Lesens. Tübingen: Narr.

Bruckmaier, Elisabeth (2019): The Wildest Lessons Ever! A Book Project in Fifth Grade to Foster Reading Motivation in ELT. In: Children’s Literature in English Language Education 7 (1), S. 21-45.

Elsner, Daniela (2013): Pop! Wow! Zoom! Mit graphic novels fremdsprachliche literacies fördern. In: Grünewald, Andreas/Plikat, Jochen/Wieland, Katharina (Hrsg.): Bildung – Kompetenz – Literalität. Fremdsprachunterricht zwischen Standardisierung und Bildungsanspruch. Seelze: Klett/Kallmeyer, S. 194-206. 

Frisch, Stefanie (2013): Lesen im Englischunterricht der Grundschule. Eine Vergleichsstudie zur Wirksamkeit zweier Lehrverfahren. Tübingen: Narr.

Gardemann, Christine (2021): Literarische Texte im Englischunterricht der Sekundarstufe I. Eine Mixed Methods-Studie mit Hamburger Englischlehrer*innen. Berlin: Springer.

Gerlach, David/Lüke, Mareen (2020): Förderung von Lesekompetenz im Englischunterricht: Ergebnisse einer Interventionsstudie. In: Zeitschrift für Fremdsprachenforschung 31 (2), S. 159-182.

Henseler, Roswitha/Surkamp, Carola (2007): Leselust statt Lesefrust. Lesemotivation der der Fremdsprache Englisch fördern. In: Der fremdsprachliche Unterricht Englisch 89, S. 2-10.

Kreft, Annika/Viebrock, Britta (2014): To read or not to Read: Does a Suitcase Full of Books do the Trick in the English Language Classroom? In: Children’s Literature in English Language Education 2 (1), S. 72-91.

Küppers, Almut (2001): Von Harry Potter lernen heißt: Lesen lernen. Von den Erkenntnissen der Lesesozialisationsforschung und deren Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht. In: Fremdsprachenunterricht 45 (5), S. 324–331.

Rosebrock, Cornelia/Nix, Daniel (2017): Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Surkamp, Carola/Yearwood, Tanyasha (2018): Receptive Competences – Reading, Listening, Viewing. In: Surkamp, Carola/Viebrock, Britta (Hrsg.): Teaching English as a Foreign Language. An Introduction. Stuttgart: J. B. Metzler, S. 89-108.

Wigfield, Allan/Gladstone, Jessica R./Turci, Lara (2016): Beyond Cognition: Reading Motivation and Reading Comprehension. In: Child Development Perspectives 10 (3), S. 190-195.